Die Katarakt – der Graue Star

Als grauer Star wird jede unphysiologische Trübung der Linsenkapsel und/oder der Linsenfasern bezeichnet. Ursache der Linsentrübung ist eine verminderte Sauerstoffaufnahme mit daraus folgender vermehrter Wasseraufnahme des Linsengewebes.

Die Linse (Abb.1) befindet sich zwischen der Regenbogenhaut (Iris) und dem Glaskörper (Corpus vitreum) und ist Teil des lichtbrechenden (dioptrischen) Apparates des Auges, zu dem bei den Säugetieren darüber hinaus noch die Hornhaut (Kornea), das Kammerwasser (Humor aqueus) und der Glaskörper gehören.

Durch die Veränderung der Linsenform mithilfe eines Ringmuskels (M.ciliaris) kann die Brechkraft der Linse beeinflusst werden, so dass jederzeit ein scharfes Bild auf der Netzhaut (Retina) abgebildet wird. Dieser Vorgang wird als Akkomodation bezeichnet (Anpassung des dioptrischen Apparates des Auges an Gegenstände in wechselnder Entfernung).




Abb.1: Aufsicht auf eine Linse mit anhaftenden Anteilen des Ziliarkörpers


 

Entwicklung der Linse

Die Zellen, die später einmal die Linse bilden sollen, entwickeln sich bis zum 15. Trächtigkeitstag aus der Haut des Embryos über dem späteren Auge und werden dann als Linsenplatte bezeichnet (Abb. 2). Im weiteren Verlauf senken sie sich in das darunter liegende Gewebe ab und bilden so das Linsengrübchen, das sich bis zum 19. Trächtigkeitstag zum Linsenbläschen schließt. Das Linsenbläschen wandert nun in die Anlage des späteren Augapfels, den Augenbecher, ein und ist am 25. Trächtigkeitstag ganz von diesem umschlossen. Die Kerne der hinteren Linsenzellen gehen zugrunde, während die vorderen Linsenzellen ein Leben lang intakt bleiben und das so genannte Linsenepithel bilden. Eine Umhüllung, die Linsenkapsel, schließt um den 35. Trächtigkeitstag die Linse von den restlichen Anteilen des Auges ab. Die Zellen des Linsenepithels wandern zum vorderen Linsenäquator und geben von dort aus zum vorderen und hinteren Linsenpol Fasern in Richtung auf den gegenüberliegenden Linsenäquator ab. Die Faserenden werden am vorderen und hinteren Linsenpol durch eine Kittsubstanz miteinander verbunden, wodurch jeweils drei Nahtlinien entstehen, die den vorderen und hinteren Linsenstern (Nahtstern) erzeugen. Der Linsenstern des vorderen Linsenpols hat die Form eines aufrechten, der des hinteren Linsenpols die eines umgekehrten "Y".
 




Abb.2 : schmatische Darstellung der anfänglichen Entwicklung der Linse

Die Linsenfasern werden ausgehend von den Zellen des vorderen Linsenäquators während des ganzen Lebens, wenn auch mit abnehmender Geschwindigkeit, gebildet. Als Linsenkortex (Linsenrinde) werden solche Linsenfasern bezeichnet, die zuletzt gebildet wurden und zwischen Linsenepithel (an der Vorderfläche der Linse) bzw. Linsenkapsel (an der Hinterfläche der Linse) und Linsenkern liegen (Abb.3). Der Linsenkern befindet sich im Zentrum der Linse und besteht von innen nach außen betrachtet aus einem embryonalen, einem fetalen und einem adulten Anteil.
 




Abb.3 : schmatische Darstellung der Anatomie der Linse

Infolge der kontinuierlichen Faserbildung kommt es mit zunehmendem Alter zu einer Vergrößerung der Linse, die mit einer Abnahme ihrer Elastizität verbunden ist. Darüber hinaus führen ab einem gewissen Alter eine Abnahme der wasserlöslichen Linsenproteine und ein zurückgehender Wassergehalt sowie eine Verdichtung der Linsenfasern im Kern zu einer zunehmenden Streuung der einfallenden Lichtstrahlen, so dass ein Transparenzverlust des Linsenkerns (Altersreflex) beobachtet werden kann, der als Nukleussklerose bezeichnet wird. Diese Nukleussklerose führt im Gegensatz zu anderen Trübungen der Linsenkapsel oder Linse jedoch zu keinerlei Beeinträchtigung des Sehvermögens oder gar zur Erblindung. Der Schluss der Linsenkapsel und damit die Separierung der Linseneiweiße vom restlichen Auge findet vor der Ausbildung des Immunsystems statt. Somit sind die Proteine der Linse dem Immunsystem nicht bekannt und werden bei einem möglichen Austritt aus dem Kapselsack als körperfremd angesehen. Dieses kann zu einer massiven entzündlichen Reaktion innerhalb des Auges mit einer Entzündung nur des vorderen Augenabschnittes (Uveitis anterior) oder des gesamten Augapfels (Panophthalmie) führen. 


 

Anatomie der Linse

Die unter physiologischen Umständen transparente Linse hat eine bikonvexe Form, d.h. sowohl Linsenvorder- als auch -rückseite sind vorgewölbt. Sie hat einen Durchmesser von 9-12 mm und ist 6-8 mm dick. Die Linse besteht zu 65 % aus Wasser und weißt mit 35 % den höchsten Eiweißgehalt aller Körpergewebe auf.

Umgeben ist die Linse mit ihrem Linsenkern und der Linsenrinde von einer Kapsel. Diese ist an ihrer Vorderseite ca. zwanzigmal dicker und wesentlich stabiler als an ihrer Rückseite.

Befestigt ist die Linse im Auge über entlang des Linsenäquators inserierende Fäden (Zonulafasern, Zonula ciliares) an einem ringförmigen Muskel, dem sogenannten Ziliarmuskel (M. ciliaris). Bei Erschlaffen des Ringmuskels werden die Fasern gespannt, so dass die Linse flacher wird und das Auge auf Fernsicht eingestellt ist. Bei Kontraktion des M. ciliaris rundet sich die Linse ab und wird somit dicker, so dass nah gelegene Objekte scharf auf der Netzhaut abgebildet werden. Aufgrund eines im Vergleich zum Menschen relativ schwach ausgebildeten Ziliarmuskels sowie einer eher rigiden Linse ist das Akkomodationsvermögen von Hund und Katze geringer als das des Menschen.


 

Katarakt - grauer Star

Eine Einteilung des grauen Stars (Abb.4) kann je nach Stadium (Grad der Trübung der Linse), Lokalisation (Ort der Trübung von Linsenkapsel oder Linsengewebe), Typ (Zeitpunkt des Auftretens der Trübung) und Ursachen erfolgen.




Abb.4: diffuser maturer grauer Star


 

1. Stadium

Hinsichtlich des Stadiums des grauen Stars gilt es eine Cataracta incipiens (geringgradige, wenig ausgeprägte Linsentrübung), Cataracta immatura (beginnender grauer Star, bei dem der Augenhintergrund bei der Untersuchung noch gut einsehbar ist) von einer Cataracta matura sowie einer Cataracta hypermatura zu unterscheiden. Bei dem maturen grauen Star ist der Augenhintergrund aufgrund der ausgeprägten Linsentrübung nicht mehr zu erkennen und die Linse erscheint geschwollen. Das Sehvermögen ist stark beeinträchtigt. Die Cataracta hypermatura ist dadurch gekennzeichnet, dass sich das Linseneiweiß verflüssigt. Dies kann zum teilweisen oder vollständigen Aufklaren der vormals trüben Linse führen. Darüber hinaus besteht, die Möglichkeit, dass Linsenproteine aus dem Kapselsack in die vordere Augenkammer gelangen und hier vom Immunsystem des Auges als "fremd" angesehen werden und somit zu einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Entzündung des vorderen Augenabschnittes führen (phakolytische Uveitis).

Die Cataracta matura Morgagni stellt eine Sonderform der hypermaturen Katarakt dar. Hier ist der noch feste Linsenkern von einer bereits verflüssigten Linsenrinde umgeben.


 

2. Lokalisation

Bei der Einteilung des grauen Stars hinsichtlich des Ortes der Linsentrübung gilt es grundsätzlich zu beachten, dass es zu einem Transparenzverlust der Linsenkapsel (Cataracta capsularis), der Linsenrinde(Cataracta subcapsularis oder corticalis), des Linsenkerns (Cataracta subcorticalis oder nuclearis) oder des unmittelbar hinter der Linse gelegenen Bereichs (retrolental) kommen kann. Weiterhin kann beschrieben werden, ob sich der Star an der Linsenvorderfläche (anterior) oder -hinterfläche (posterior), am Linsenäquator (äquatorial) oder im Bereich des vorderen oder hinteren Linsenpols (polar) befindet.


 

3. Typ

Hinsichtlich des Zeitpunktes des Auftretens des grauen Stars kann eine Einteilung in eine kongenitale(unter der Geburt schon vorhanden), eine juvenile und eine senile Katarakt getroffen werden.

Bei der kongenitalen Katarakt kommt es zu einer Linsentrübung schon vor der 6.-8. Lebenswoche entweder aufgrund einer erblichen Genese oder einer intrauterinen Schädigung des Welpen.

Die Linsentrübung ist in diesen Fällen meist sehr dicht und kann langsam progressiv fortschreiten. Sie kann als einzige Veränderung des Auges (solitär) oder im Verbund mit anderen anatomischen Besonderheiten (sekundär) auftreten. So gibt es eine Reihe von prädisponierten Hunderassen, bei denen die kongenitale Katarakt nicht die einzige Anomalie darstellt: Kongenitale Katarakt zusammen mit einer Verkleinerung des Augapfels (Mikrophthalmie) tritt u.a. beim Akita Inu und Zwergschnauzer gehäuft auf. Grauer Star und der Verbleib von Gefäßresten im Bereich der vorderen Linsenfläche (Membrana pupillaris persistens) kann beim Beagle und roten Cocker beobachtet werden. Dobermann und Staffordshire Bullterrier zeigen die kongenitale Linsentrübung im Verbund mit Gefäßanomalien im Glasköper (persistierende hyperplastische Tunica vasculosa lentis/peristierendes hyperplastisches primäres Vitreum [PHTVL/PHPV]). Aufgrund der dabei noch im Glaskörper befindlichen bis an die Linse reichenden Gefäße kann es zu Blutungen in diese mit plötzlicher Erblindung kommen. Beim Samojeden sind zusätzlich zur Linsentrübung noch zu eine Ablösung der Netzhaut (Ablatio retinae) und Skelettveränderungen beschrieben, während beim Englischen Springer Spaniel eine fehlerhafter Anlage der Netzhaut (Retinadysplasie) und beim Labrador Retriever Hornhauttrübungen beobachtet werden. Unter der Geburt auftretender grauer Star ist bei der Katze ein seltenes Ereignis und tritt vereinzelt bei Persern und Perserkreuzungen auf. 

Kurativ muss häufig auf eine operative Therapie der kongenitalen Linsentrübung verzichtet werden, da einerseits die zusätzlichen Augenanomalien den Erfolg einer solchen Operation in Frage stellen oder das Blutungsrisiko bei fehlender Gefäßrückbildung im Glasköperbereich nicht kalkulierbar erscheinen lassen. Auch kommt es bei primärem, nicht fortschreitendem (stationärem) grauen Star zu scheinbaren spontanen Remissionen, da sich infolge des Wachstums der Linse neue Linsenfasern um den vormals getrübten Linsenbereich anschichten und so der Anteil des undurchsichtigen Bereichs der Linse im Verhältnis zu dem transparenten zunehmend abnimmt.

Von einer juvenilen Katarakt (Abb.5) spricht man, wenn die Linsentrübung nach der 8. Lebenswoche und bis zum 8. Lebensjahr beginnt. Sie kann meist im Linsenkortex beobachtet werden und verhält sich ebenso progressiv wie der kongenitale graue Star. Von einer erblichen Linsentrübung im Sinne einer juvenilen Katarakt kann dann gesprochen werden, wenn als Ursache eine Verletzung (Trauma), eine Vergiftung, eine Bestrahlung oder eine Entzündung auszuschließen sind. Der senile graue Star (Abb.6) bezeichnet eine Linsenveränderung bei Hunden und Katzen nach dem 8. Lebensjahr und darf nicht mit einer Nukleussklerose (Altersreflex) verwechselt werden. 




Abb.5: juvenile Katarakt bei einem 5 jährigen Husky




Abb.6: senile Katarakt bei einem 11 jährigen Rauhhardackel


 

4. Ursachen

Die Entstehung des grauen Stars kann bedingt sein durch die Vererbung (genetisch), spezielle Stoffwechselsituationen (metabolisch), die Ernährung (alimentär), Verletzungen der Linse (traumatisch), Aufnahme von Stoffen (toxisch), Strahlung oder Elektrizität. Darüber hinaus kann eine Katarakt im Gefolge von anderen Augenerkrankungen entstehen. Sie wird dann als sekundäre Katarakt, konsekutive Katarakt oder Cataracta complicata bezeichnet.

Der erbliche graue Star tritt häufig beim Hund und seltener bei der Katze auf. Die erbliche Linsentrübung ist meist mehr oder weniger symmetrisch auf beiden Seiten zu beobachten. Sie entwickelt sich in der Regel progressiv und beginnt entweder am posterioren Kortex oder im Äquatorbereich. Hinsichtlich des Zeitpunktes des Auftretens des erblichen grauen Stars gilt es die kongenitale von der juvenilen Form zu unterscheiden. Für jede dieser beiden Formen gibt es besonders veranlagte (prädisponierte) Rassen. So ist die erbliche kongenitale Katarakt u.a. bei Cavalier King Charles Spaniel, Dackel oder Rottweiler anzutreffen während z.B. Amerikanischer Cocker Spaniel, großer Münsterländer sowie Pudel eher den erblichen juvenilen grauen Star zeigen. Einige Hundrassen wie etwa Golden Retriever, Labrador Retriever oder Zwergschnauzer sind prädisponiert für beide erblichen Kataraktformen.

Der graue Star aufgrund besonderer Stoffwechselsituationen kann in der überwiegenden Anzahl der Fälle beim Auftreten von Diabetes mellitus beobachtet werden (Cataracta diabetica oder diabetogene Katarakt). Hierbei kommt es zu einem Anstieg der Glucosekonzentration im Kammerwasser und somit auch in der Linse. In der Linse wird der Zucker vorwiegend zu Sorbitol verstoffwechselt, welches osmotisch aktiv ist und daher eine starke Anziehungskraft auf Wasser ausübt. Somit kommt es zu einer vermehrten Wasseraufnahme in die Linse, die mit einer Quellung und Verminderung der Transparenz der Linse einhergeht. Die Linsentrübung kann in Extremfällen innerhalb von wenigen Tagen auftreten.

In wissenschaftlichen Untersuchungen wurde festgestellt, dass die Hälfte der therapierten diabetischen Hunde innerhalb von 6 Monaten eine diabetogene Katarakt entwickelt, Dreiviertel der Patienten bilden innerhalb von 12 und 85% innerhalb von 18 Monaten einen grauen Star aus.

Weitere ökuläre Probleme des diabetischen Hundes können in einer Abnahme der Hornhautsensibilität (v.a. bei kurznasigen Hunderassen), Verminderung der Tränenproduktion, Veränderung der Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit und in einer chronischen Bindehautentzündung liegen.

Seltener kann es bei einer Verminderung des Gehaltes an Kalzium im Blut (Hypocalcaemie) zu multiplen an mehreren Stellen der vorderen und hinteren Linsenrinde lokalisierten Trübungen kommen, deren Entstehungsmechanismus noch ungeklärt ist. Diese Form des grauen Stars verläuft im Gegensatz zur diabetogenen Katarakt nicht progressiv und verursacht auch keine Beeinträchtigung des Sehvermögens.

Bei Verfütterung von Milchersatz an Hundwelpen kann es zu einer ernährungsbedingten Linsentrübung (alimentäre Katarakt) kommen, die ggf. wieder zurückgehen kann. Diese Form des grauen Stars ist darüber hinaus auch bei Welpen von Wölfen, Waschbären und Kojoten beobachtet worden.

Bei dem verletzungsbedingten (traumatischen) grauen Star (Abb.7) kommt es entweder durch ein stumpfes Trauma (z.B. durch den unfallbedingten Vorfall des Augapfels aus der Augenhöhle bei Hundrassen mit kurzer Nase) oder ein perforierendes Trauma (z.B. die Hornhaut durchbohrende, bis in die Linse reichende Stichverletzung u.a. durch Katzenkralle) zu einer Eröffnung der Linsenkapsel mit nachfolgender Linsentrübung. Kleinere Beschädigungen der Linsenkapsel werden schnell wieder verschlossen, so dass meist nur kleine punkförmige Trübungen der Linsenkapsel ohne Ausbreitungstendenz zurückbleiben.
 




Abb.7: anteriorer Nahtstar nach traumatischer Verletzung der vorderen Linsenkapsel

Die Aufnahme von chemischen Stoffen, die zu einer Intoxikationskatarakt führen, kann entweder über den Magen-Darm-Trakt, eine Injektion oder die lokale Applikation erfolgen. Beispiele für Substanzen bei denen eine solche Linsentrübung entstehen kann sind z.B. Disophenol (zur Entwurmung eingesetzt), Diazoxid (verwendet zum Weitstellen von Gefäßen), Dimethylsulfoxid (wirkt entzündungshemmend und ist Trägersubstanz für z.B. die lokale dermale Applikation von Kortisonen oder Antibiotika) sowie Lipidsenker in 20-30 facher Überdosierung.
Beim Menschen können lokal am Auge verabfolgte Kortisone gleichfalls eine Linsentrübung herbeiführen.

Eine Strahlenkatarakt entsteht durch Einwirkung von Infrarotstrahlung, ultravioletter Strahlung und radioaktiver (ionisierender) Strahlung auf die Linse.

Noch Monate nach einem elektrischen Schlag kann es zu einer Linsentrübung kommen.

Infolge primärer Augenerkrankungen kann sich zusätzlich ein grauer Star ausbilden, der dann als sekundärer Star oder Cataracta complicata bezeichnet wird.

Infolge einer Entzündung z.B. des vorderen Augenabschnittes (Uveitis anterior) kommt es zur Ablagerung von Zellen und Fibrin auf der Linsenkapsel, die eine massive Störung der Nährstoffversorgung der Linse herbeiführen, welche eine Linsentrübung verursacht. Darüber hinaus führt eine Störung der Barriere zwischen Blut und Kammerwasser, der so genannten Blut-Kammerwasser-Schranke, zu einem vermehrten Übertritt von Phospholipiden aus dem Blut in das Kammerwasser, die innerhalb der Linse zu einer Zerstörung der Wände der Linsenfasern führen. Die sekundäre Katarakt durch Entzündung stellt die häufigste Ursache der Linsentrübung bei der Katze dar.

Die Ursachen für die Cataracta complicata nach Verschlechterung der Funktion (Degeneration),Fehlentwicklung (Dyplasie) oder Atrophie (Rückgang) der Netzhaut sind noch nicht hinreichend geklärt. 

Der graue Star im Zusammenhang mit einem chronischen Glaukom entsteht wahrscheinlich entweder infolge einer negativen Beeinflussung der Ernährungssituation der Linse infolge eines verminderten Flusses des Kammerwassers oder durch eine direkte Schädigung der Linsenzellen durch den erhöhten Augeninnendruck.


 

Prognose des grauen Stars

Je nach Lokalisation der Linsentrübung kann ein Hinweis darauf erhalten werden, welche mögliche Ausbreitungstendenz besteht und welche Ursachen für den grauen Star in Frage kommen.

So sind Trübungen im Bereich der Linsenkapsel und unmittelbar unter der Linsenkapsel sowie solche des Linsenkerns nicht progressiv. Dagegen breiten sich Transparenzverluste im Bereich der Linsenrinde sowie solche in äquatorialen Linsenarealen zunehmend aus.

Die Katarakt kann sich, wenn sie einmal aufgetreten ist, innerhalb von Tagen bis Monaten weiter entwickeln. Schnell kommt es zu einem Fortschritt der Linsentrübungen, wenn osmotische Veränderungen im Inneren der Linse einen Wassereinstrom und damit eine Linsenschwellung herbeiführen. Die in parallelen Bahnen angeordneten Linsenfasern erhalten durch den Wassereinstrom eine irreguläre, ungeordnete Ausrichtung. Dies führt zur Brechung des Lichtes und in deren Folge zu einer Trübung der Linse.


 

Therapie

Eine medikamentöse Therapie des grauen Stars ist nicht möglich. Es gibt kein zugelassenes Präparat, das eine vorhandene Linsentrübung rückgängig macht. Somit ist das chirurgische Vorgehen zur Entfernung der Linsentrübung die Therapie der Wahl.

Lediglich bei der sekundären Katarakt kann eine rechtzeitige Therapie der dem grauen Star zugrunde liegenden Ursache zumindest ein weiteres Fortschreiten der Linsentrübung in günstigen Fällen verhindern. Darüber hinaus ist zuweilen bei der kongenitalen und frühen juvenilen Katarakt eine spontane Remission oder fehlende Progressivität der Linsentrübung zu beobachten, wodurch diese infolge der wachsenden Linse relativ gesehen abnimmt und keine Beeinträchtigung des Sehvermögens auslösen muss.

Es sollten möglichst schon immature bis mature Katarakte einer chirurgischen Versorgung zugeführt werden, um den Eingriff technisch einfacher und somit komplikationsloser für den Patienten zu machen.

Wichtig ist, vor einer Staroperation das Auge auf das Vorhandensein von Anomalien und die Netzhaut auf ihre korrekte anatomische Lage sowie ihre Funktion zu untersuchen. Daher sollte folgender Untersuchungsgang eingehalten werden: Der Pupillarreflex gibt grobe Hinweise darauf, ob die Netzhautfunktion vorhanden oder bereits massiv beeinträchtigt ist. Zur alleinigen Beurteilung des Funktionszustandes der Netzhaut ist er nicht geeignet. 

Eine visuelle Untersuchung des vorderen Augenabschnittes (Hornhaut, vordere Augenkammer, Iris, hintere Augenkammer, Linse) sollte selbstverständlich ebenso erfolgen wie, sofern die Linsentrübung es noch zulässt, eine Betrachtung der hinteren Augenanteile (Glaskörper, Netzhaut) zum Ausschluss von zusätzlich vorliegenden Erkrankungen und anatomischen Besonderheiten.

Eine Ultraschalluntersuchung des Auges hat sich nicht nur bei einer maturen Katarakt, die eine Betrachtung des hinter der getrübten Linse vorhandenen Augenabschnittes nicht mehr gestattet, zu erfolgen, um einerseits die Linse andererseits Veränderungen des Glaskörpers, wie z.B. Einlagerungen, Blutungen, Verflüssigungen, und Anomalien der Netzhaut, wie z.B. Netzhautablösungen, sichtbar zu machen.

Immer sollte eine Funktionsüberprüfung der Netzhaut mit Hilfe eines sogenannten Elektroretinogramms (ERG) durchgeführt werden. Bei dieser Untersuchung werden, ähnlich dem EKG des Herzens, elektrische Ströme, die von der Netzhaut nach Lichtstimulation erzeugt werden, gemessen und in Form von Kurven sichtbar gemacht. Je nach Ausschlag dieser Kurven (Amplituden) kann eine Aussage über den Funktionszustand der Netzhaut gemacht werden.

Die chirurgische Entfernung der kataraktös veränderten Linse beginnt mit der Eröffnung der Hornhaut an ihrem Übergang zur weißen Augenhaut (Sklera). 

Grundsätzlich gilt es die extrakapsuläre von der intrakapsulären Linsenextraktion zu unterscheiden. Bei ersterer wird die Linse aus ihrer Kapsel entfernt. Die Linsenkapsel verbleibt somit im Auge. Diese Technik wird bei einer Staroperation angewandt. Eine Entfernung der gesamten Linse einschließlich ihrer Linsenkapsel aus dem Auge wird als intrakapsuläre Linsenextraktion bezeichnet und bei der Entfernung einer in die vordere Augenkammer oder den Glaskörper verlagerte Linse (Linsenluxation) vorgenommen.

Soll eine Phakoemulsifikation von Linsenrinde und -kern erfolgen, d.h. eine Zerkleinerung des Linsengewebes mittels Ultraschallwellen mit anschließender Absaugung der fragmentierten Linsenanteile, so muss die Öffnung der Hornhaut gerade so groß sein, dass die Spitze der hierfür benötigten Sonde (Abb.8) in das Innere des Auges eingeführt werden kann. Dies sind in der Regel 3-4 mm. Ist eine konventionelle Entfernung der Linse geplant, d.h. die Linse wird aus ihrem Kapselsack herausgelöst und dann im Ganzen (in toto) entnommen, so ist eine nahezu halbkreisförmige Eröffnung der vorderen Augenkammer notwendig.
 




Abb.8: Spitze des Handgriffs des Phakotoms zur Zerkleinerung und Absaugung der getrübten Linse

Im Anschluss an den Hornhautschnitt wird die vordere Linsenkapsel eröffnet. Hierzu kann eine feine Injektionskanüle, Schere, Pinzette oder ein sogenanntes Diakapsulotom (Abb.9) Verwendung finden. Letzteres ist ein Gerät, das die vordere Linsenkapsel mittels hochfrequentem Strom sicher aufschneidet und so eine kontrollierte Eröffnung des Kapselsackes gewährleistet.




Abb.9: mit Hochfrequenzstrom schneidende Spitze des Diakapsulotoms

Danach erfolgt die Entfernung des getrübten Linsengewebes mittels der oben schon angesprochenen zwei unterschiedlichen Techniken.

Abgeschlossen werden kann die extrakapsuläre Linsenextraktion mit dem Einsetzten einer Kunstlinse. Das Sehvermögen wird infolge einer Kunstlinsenimplantation möglicherweise nicht wesentlich verbessert, so dass eine Abwägung zwischen den Vor- und Nachteilen dieser Maßnahme erfolgen muss. 

Zwei Arten von Kunstlinsen finden derzeit in der Tiermedizin Anwendung. Zur Implantation der PMMA-Linse (Abb.10), die sich in der verbliebenen Linsenkapsel mit Hilfe ihrer Fortsätze selber zentriert, muss eine Erweiterung des Hornhautschnittes nach Phakoemulsifikation auf 7-8 mm erfolgen. Die Verwendung einer Faltlinse (Abb.11), die mittels eines Hilfsmittels ähnlich einer Spritze (Injektor) ins Auge injiziert wird, macht dagegen nur eine unwesentliche Vergrößerung der Eröffnung der vorderen Augenkammer notwendig.




Abb.10: PMMA-Linse




Abb.11: Faltlinse

Die Operation wird mit der Naht der Hornhaut abgeschlossen (Abb.12 und Abb.13).




Abb.12: Zustand Auge unmittelbar nach einer Kataraktoperation




Abb.13: Zustand 6 Wochen nach einer Kataraktoperation

Wie bei jeder Operation kann es auch bei der Entfernung einer getrübten Linse zu Komplikationenkommen. Diese sind zu einem Großteil durch die Feinheit der Strukturen des Auges bedingt. Das Auftreten von schweren Komplikationen wird nach Angaben in der Literatur lediglich bei ca. 1% der Kataraktoperationen beobachtet.

So kann es zu Verklebungen der Iris mit den Resten der vorderen Linsenkapsel kommen (hintere Synechie). Diese können die Beweglichkeit der Iris beeinträchtigen und bei ausgedehntem Vorkommen durch eine Behinderung des Kammerwasserabflusses über die Pupillaröffnung auch zu einer Erhöhung des Augeninnendruckes (Glaukom) führen. Entzündungen durch eintretende Keime oder durch Kontakt des Auges mit austretendem Linseneiweiß können sich über den gesamten Augapfel ausbreiten (Panophthalmie). 

Als sogenannten Nachstar (Posterior Capsular Opacification, PCO) bezeichnet man eine Trübung der hinteren Linsenkapsel infolge einer bindegewebigen Dickenzunahme dieser Struktur (Abb.14). Sie kann zu einer Beeinträchtigung des Sehvermögens führen, besonders dann wenn diese in der zentralen Sehachse auftritt, so dass sie in einer weiteren Operation beseitigt werden muss.

Der Einsatz einer Kunstlinse bedingt ein zu einem gewissen Grad besseres Sehvermögen, birgt aber auch einige Nachteile, die sich einerseits in einer größeren Gefahr postoperativer Komplikationen wie der Entzündung des vorderen Augenabschnittes (Uveitis anterior), Ausbildung eines Glaukoms und dem Verrutschen der Kunstlinse andererseits nicht zuletzt in höheren Operationskosten widerspiegeln. Somit ist der Abwägung des Für und Wider vor einer Operation besondere Bedeutung einzuräumen.

Die diabetogene Katarakt sollte immer sofort einer Operation zugeführt werden. Eine Entfernung der diabetischen getrübten Linse sollte so zeitig erfolgen, dass eine möglicherweise irreparable Schädigung des Auges infolge ausgetretenen Linsenproteins mit dadurch ausgelöster linseninduzierte Uveitis vermieden wird.




Abb.14: Nachstar

Lexikon der Fachbegriffe

Ablatio retinae

Netzhautablösung

Akkomodation

Anpassung des Auges an fokussierte Gegenstände in wechselnder Entfernung

Atrophie

Rückgang von Gewebe

Cataracta incipiens

Beginnender grauer Star

Cataracta immatura

Unreifer grauer Star

Cataracta matura

Reifer grauer Star

Cataracta hypermatura

Überreifer grauer Star

Degeneration

Verschlechterung der Funktion

Diakapsulotom

Gerät zur Eröffnung der vorderen Linsenkapsel mit hochfrequentem Strom

Dioptischer Apparat

Lichtbrechende Anteile der Auges (Hornhaut, Kammerwasser, Linse Glaskörper)

Dysplasie

Fehlentwicklung

Elektroretinogramm

Netzhautfunktionstest

Extrakapsuläre Linsenextraktion

Entfernung von Linsenrinde und -kern, Linsenkapsel verbleibt im Auge

Intrakapsuläre Linsenextraktion

Linse wird inkl. Linsenkapsel entfernt

Juvenile Katarakt

Katarakt von 8. Lebenswoche bis zum 8. Lebensjahr

Katarakt

Grauer Star, Trübung von Linsenkapsel und /oder Linsengewebe

Kongenitale Katarakt

Katarakt unter der Geburt schon vorhanden, bis zur 6.-8. Lebenswoche auftretend

Mikrophthalmie

Verkleinerung des Augapfels

Nachstar

Trübung der hinteren Linsenkapsel nach Staroperation

Nukleussklerose

Altersbedingter Transparenzverlust des Linsenkerns

Panophthalmie

Entzündung des gesamten Augapfels

Phakoemulsifikation

Zerkleinerung der Linse mittels Ultraschallwellen

Senile Katarakt

Altersstar, grauer Star nach dem 8. Lebensjahr

Uveitis anterior

Entzündung des vorderen Augenabschnittes


 

© 09/2010 

Dr. med. vet. Karl-Josef Saers: Fachtierarzt für Kleintiere, Fachtierarzt für Chirurgie, Zusatzbezeichnung Augenheilkunde; Dr. med. vet. Markus Bausch: Fachtierarzt für Kleintiere, Fachtierarzt für Chirurgie, Zusatzbezeichnung Augenheilkunde; Dr. med. vet. Susanne Saers: Zusatzbezeichnung Augenheilkunde

Tierärztliche Klinik für Kleintiere am Kaiserberg
Wintgensstraße 81-83, 47058 Duisburg
www.tierklinik-kaiserberg.de
 

Fotos 

Dr. med. vet. Markus Bausch

   

Literatur 

Literatur beim Verfasser